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Finanzlage von kleinen und mittleren Unternehmen in Europa

31.10.2013 - Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Europa benötigen dringend einen leichteren Kapitalzugang. In einem Bericht identifizieren die Managementberatung Bain & Company und das Institute of International Finance (IIF) die dafür notwendigen Maßnahmen.

Finanzierungsprobleme beim europäischen Mittelstand

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 leidet der gesamte Mittelstandssektor unter massiven Finanzierungsproblemen - und die Schere in Europa geht immer weiter auseinander. Auf der einen Seite gibt es eine Reihe sehr erfolgreicher Mittelständler, die in Nischen agieren, weltweit wettbewerbsfähige Kostenstrukturen haben, in Forschung und Entwicklung oder neue Technologien investieren, oft exportorientiert und Teil der internationalen Lieferketten sind. Auf der anderen Seite stehen problembeladene und überschuldete Unternehmen, insbesondere in den Branchen Bau, Immobilien und Gastronomie. Maßgeschneiderte Unterstützung ist unverzichtbar, um an dringend benötigtes Kapital zu gelangen.

Unterschiedlichkeit der Mittelständler

"Kleine und mittlere Unternehmen stellen zwei von drei Arbeitsplätzen in Europa und 58 Prozent der Bruttowertschöpfung", erklärt John Ott, Partner bei Bain & Company. "Doch selbst gesunde, wachstumsstarke Mittelständler hungern in einigen Ländern nach Finanzierung, um weiter expandieren und neue Arbeitsplätze schaffen zu können." Der Bericht zeigt die Unterschiedlichkeit der Mittelständler in Europa auf: Ein typisches deutsches KMU ist doppelt so groß wie in Italien oder Spanien und hat zudem weitaus häufiger ein Management, das nicht Eigentümer des Unternehmens ist. In vielen anderen Ländern hingegen sind kleine und mittelständische Firmen meist in Familienbesitz, und die Familien stellen auch das Management. Deshalb sind diese Betriebe in der Regel kleiner als in Deutschland. Darüber hinaus zahlen Mittelständler in Irland, Italien, Portugal und Spanien zwischen vier und sechs Prozentpunkte mehr Zinsen für ihre Bankkredite als vergleichbare Unternehmen in Deutschland.

Deutschland: von Kreditknappheit keine Spur

Der vorliegende Bericht basiert auf 140 Interviews mit Politikern, Bankern und Geschäftsführern in Frankreich, Irland, Italien, den Niederlanden, Portugal und Spanien. In allen sechs untersuchten Ländern ist bei Banken die Neuvergabe von Krediten unter einer Million Euro an KMU seit den Höchstständen vor der Krise um durchschnittlich 47 Prozent gesunken. "Die Banken in diesen europäischen Ländern stehen bei der Mittelstandsfinanzierung vor einem Dilemma", sagt Walter Sinn, Leiter der Praxisgruppe Banking von Bain & Company im deutschsprachigen Raum. "Sie wollen attraktive Kunden langfristig binden, müssen aber zugleich der verschärften Regulierung sowie Eigenkapitalengpässen Rechnung tragen und höhere Risikokosten schultern." Für Deutschland stellt sich die Situation deutlich anders dar: von Kreditknappheit keine Spur. "Ganz im Gegenteil", so Sinn. "Der deutsche Mittelstand ist ein klares strategisches Wachstumsfeld für alle Bankengruppen und wird derzeit im Kreditgeschäft heftig umworben."

Lösungen zur Behebung der Finanzierungsnöte

Aus Sicht der Bain- und IIF-Experten ist der Europarat gefordert, einen koordinierten europäischen Prozess zu etablieren, der - gesteuert von der Europäischen Kommission - von fachkompetenten, überparteilichen nationalen Sonderkommissionen unterstützt wird. Im Bericht werden vier Lösungspakete geschnürt, die für die einzelnen Länder und Branchen maßzuschneidern sind, um die Finanzierungsnöte der Mittelständler zu beheben. Im Einzelnen sind dies:

1. Bereitstellung von günstigen, zuverlässigen, umfassenden, zeitnahen und einfach zugänglichen Informationen für und über die KMU. Diese Maßnahme ist unabdingbare Voraussetzung für alle anderen Ansätze.

2. Minimierung aller bürokratischen, rechtlichen, steuerlichen, buchhalterischen und regulatorischen Lasten. Konzentration der begrenzten öffentlichen Mittel auf Mittelständler mit hohem Potenzial. Finanz- und Rechtsbeistand für KMU, die in Schwierigkeiten geraten sind.

3. Garantien und Kreditversicherungen für Banken, die Kredite an kleine und mittlere Unternehmen vergeben. Unterstützung für Banken und andere Kapitalgeber, die Mittelständlern bei der Restrukturierung ihrer Finanzierung helfen.

4. Ein "Finanzierungsbaukasten" mit einer Auswahl verschiedener Finanzierungsmittel - für das Start-up bis hin zum reifen Mittelständler. Pflege eines Ökosystems, das alternative Finanzprodukte für KMU bereitstellt, strukturiert und bewertet.

redaktionell verantwortlich: mittelstanddirekt